Automatisierung und KI in der Zulieferindustrie
Automatisierung und KI gelten für die Optimierung von Prozessen in der Zulieferbranche als besonders zukunftsweisend. Entsprechend groß sind die Erwartungen an deren Einführung für die Transformation traditioneller Prozessabläufe: In einem zunehmend unsicheren Wettbewerbsumfeld sollen sie den Unterschied machen. Die Einführung selbst ist jedoch nicht unkompliziert. Unternehmen müssen sich mit Datenqualität, regulatorischen Vorgaben und der Auswahl der richtigen Tools für die jeweilige Situation auseinandersetzen. Zudem muss jeweils entschieden werden, welche Technologie zum eigenen Geschäftsmodell passt.
Gebäudekomplex für neue Logistik- und Produktionskapazitäten des Beschlag-Spezialisten Häfele. © Häfele SE & Co KG
Voranschreitende Automatisierung
Große Marktplayer der Möbelzulieferindustrie wie Egger, Häfele, Pfleiderer oder Swiss Krono haben in jüngerer Zeit Teile ihrer Prozesse für eine Automatisierung neugestaltet. Automatisierte Fertigungslinien ermöglichen effizientere Prozesse, verbessern die Arbeitssicherheit und erhöhen die Präzision in der Produktion. Bislang manuell vorgenommene Abläufe wie die Materialnachversorgung oder das Abstapeln von Schichtholzplatten erfolgen nun automatisch. Auch die Lagerung wird mit hochmodernen Anlagen automatisiert, um Versandkapazitäten zu steigern oder Verpackungs- und Logistikprozesse zu optimieren. Von dieser Entwicklung profitieren auch kleinere und mittlere Unternehmen, denn kompakte Produktionslayouts ermöglichen heute eine hohe Automatisierung mit wenig Platzbedarf.
Neue Kurztaktpresse mit hohem Automatisierungsgrad des Holwerkstoff-Herstellers Pfleiderer. © Pfleiderer Deutschland GmbH
Unterstützung von Supportfunktionen
Während Automatisierung von vielen Unternehmen mittlerweile als strategische Notwendigkeit gesehen wird, befindet sich der Einsatz von KI häufig noch in einem Entwicklungsstadium. Als größte Herausforderung für deren Einführung wird die Integration in bestehende Systeme und Prozesse gesehen. Dennoch nutzen viele Unternehmen bereits bekannte KI-Tools wie Chatbots oder Bildgeneratoren im Arbeitsalltag. Ein Beispiel für deren Anwendung ist die Erweiterung von Supportfunktionen wie der Kundenberatung und -begleitung. Individuell erstellte Avatare gestalten die Kundenansprache und Terminvorbereitung mit höherer Effizienz. Bei der Produktsuche hilft generative KI mit Empfehlungen und Hinweisen zur Anwendung. Auch Stücklisten mit Materialmengen lassen sich über KI-Chatbots erstellen.
Eine hohe CAD-Datenqualität ist Voraussetzung für reibungslose Fertigungsprozesse. © Hettich GmbH & Co. KG/Bild: Thomas Weber
Optimierung der Planung
Neben der persönlichen Beratung hilft KI auch bei der Produktplanung. Sie wird direkt in CAD-Software integriert, um zum Beispiel in Sekundenschnelle Materialbilder zu analysieren und passende Oberflächen zu finden. Gemeinsam mit Kunden können Zulieferer in Echtzeit Möbel oder Einbauten planen und Modelle direkt in Fertigungsdaten überführen. Modelle lassen sich zudem einfach in Online-Bibliotheken laden, was Kunden von zuhause aus ermöglicht, Änderungen vorzunehmen und Vorschläge zu übermitteln. Dank besserer Datenverarbeitung und schnellerer Rechenleistung sind Unternehmen heute in der Lage, kontinuierliche Modellaktualisierungen durchzuführen. Auch die Verarbeitung von Ausschreibungen wird mit KI-Unterstützung erheblich beschleunigt und Fehlerquellen reduziert. Mit Echtzeitdaten und einer ständig aktiven Optimierung lassen sich zudem Lieferketten viel schneller veränderten Umständen anpassen.
Bessere Anpassung von Lieferketten
Als vernetzte Systeme erscheinen Lieferketten besonders prädestiniert für eine Optimierung mit KI. Die Technologie wird hier schon länger eingesetzt, um zum Beispiel die Routenplanung oder die Bestandsverwaltung zu unterstützen. Neue Formen von KI könnten auch die Resilienz und Anpassungsfähigkeit von Lieferketten deutlich verbessern, was angesichts aktueller geopolitischer Herausforderungen immer wichtiger wird. Außerdem müssen Logistiknetzwerke zunehmend auf Regularien im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Transparenz reagieren. Vor diesem Hintergrund hilft autonome KI-Unternehmen dabei, ihre Lieferketten umzustrukturieren und zu steuern. Noch ist es eine Zukunftsvision, aber irgendwann könnten KI-Agenten Lieferketten völlig automatisiert und autonom gestalten.
Neue Grundlagen für Zusammenarbeit
Der Erfolg von Unternehmen wird künftig auch vom Aufbau neuer Partnerschaften und kollaborativer Netzwerke entlang der gesamten Wertschöpfungskette abhängen. Wie sich das nachhaltig vernetzt und kooperativ gestalten lässt, hat das Verbundprojekt „VR-Chain“ untersucht. Unter Beteiligung der Universität Bremen und anderer Akteure beschäftigt sich das bis August 2026 laufende Forschungsprojekt mit den Potentialen interaktiver VR-Räume für die unternehmensübergreifende Abstimmung. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Integration realer Arbeitsumgebungen mit 3D-Scans und Mixed Reality. Konkrete Produktions- und Logistikkontexte wurden in virtuelle Räume überführt und gemeinsam zugänglich gemacht. Unterschiedliche Perspektiven entlang der Wertschöpfungskette können so miteinander verschränkt werden, damit Unternehmen besser auf sich verändernde Bedingungen reagieren können.
Perspektiven für die Branche
Automatisierung und KI verändern viele Bereiche der Zulieferindustrie – von der Fertigung und Bestandshaltung über Planung und Logistik bis hin zur Kundenkommunikation. Innerhalb der digitalen Transformation der Branche bieten sie damit deutliche Mehrwerte. Inwieweit sie dazu beitragen, Unternehmen für künftige wirtschaftliche und geopolitische Herausforderungen resilienter zu machen, bleibt abzuwarten. Generell verläuft die Entwicklung sehr dynamisch, denn KI wird laufend trainiert und stetig verbessert. Eine gewinnbringende Anwendung wird jedoch immer von der individuellen Situation eines Betriebs abhängen und von validen Datengrundlagen. Welche neuen Möglichkeiten sie für die Prozessoptimierung, kreative Gestaltung und den alltäglichen Workflow bietet, zeigt sich aber schon heute.